Halbautomatische Skulpturen

Meine Arbeiten bezeichne ich in Anlehnung an die surrealistische Methode des "automatischen Schreibens" (André Breton) aus ihrem vergleichbaren Entstehungszusammenhang heraus, als "halbautomatische Skulpturen".

"Halb-" deshalb, weil zur Herstellung eines dreidimensionalen Objektes im Unterschied zur (automatischen) Niederschrift eines Textes planende und bewusste handwerkliche Zwischentätigkeiten nötig sind, die den "somnambulischen Zustand" notwendigerweise unterbrechen - und real praktizierbar machen müssen.

Ausgangspunkt jedes der Objekte war immer ein in der Natur Vorgefundenes, das seine Bedeutung schon gleichsam als Projektionsfläche für ein mir zunächst nicht bewusst zugängliches Innen-Bild andeutungsweise an sich trug.

Ein tiefes, spontanes Interesse an diesen Fundstücken, eine Art Wiedererkennen, war untrügliches Anzeichen für einen unterhalb der Bewusstseinsschwelle beginnenden und langsam diese überschreitenden Gestaltbildungsprozeß, bis sich schließlich zu einem unvorhersehbaren Zeitpunkt spontan ein nahezu vollständiges Bild der beabsichtigten Gestalt des Objektes vor dem inneren Auge einstellte.

Die konkrete materielle Arbeit an den Skulpturen glich einer Art "Auto-Mäeutik" (ich denke hier an die Sokratische Methode der Lehre), durch die sich konkrete zeichenhafte, metaphorische bzw. allegorische Materialisierungen von einzelnen psychischen Elementen vor dem Hintergrund des inneren Universums abhoben. Es handelt sich hier im Prinzip um einen phänomenologischen Prozess, um den Kern einer Idee zu erfassen.

Aus "objets trouvées" wurden so vitale, zum Teil an magische Fetische erinnernde Assemblagen, die zugleich als Pictogramme seelischer Inhalte gelten können, etwa als phänomenologische Körperbilder, wie es vielen "primitivistischen" Skulpturen nachgesagt wird, oder Objektivationen sonst unsichtbarer innerer Prozesse.

So wuchs im Laufe der Zeit eine Art "seelischer Zoo" aus verschiedenen - C.G.Jung würde vielleicht sagen: archetypischen - Persönlichkeitsanteilen, deren differenzierte Wesenheiten zueinander in unauflöslicher Beziehung stehen, denn alle entstammen derselben Quelle.

Die gesamte Installation könnte also auch als eine Art analytisch begehbarer Seelenraum aufgefasst werden, in dem sich sowohl energetische, psychisch-emotionale als auch gedankliche Strukturen finden lassen.

Als Ensemble gehören die Skulpturen prinzipiell alle zusammen.

Skulpturen sind gleichsam im physikalischen Raum existierende, materialisierte, konstruierte Manifestationen von unsichtbarem Inneren, die in immer neuen Spiralen eines hermeneutischen oder heuristischen Zirkels auch Erkenntnis von bislang nicht Gesehenem oder Gedachtem gestatten, ein neuer Zugang zu sich selbst, ähnlich einer Traumsprache, die auch erst in der nachgeordneten, nachgefühlten Reflexion zu Einsicht führen kann, deren Bilder aber schon voraussetzungslos und spontan intuitive, attraktive, konzentrierte Kraft besitzt.

Es geht hierbei um eine Kommunikation des psychisch-organisch-sprituellen Systems mit sich selbst, die als fremde Objekte ausgeworfenen Produkte in der Auseinandersetzungs-Arbeit zunächst als Erfahrenes an zu nehmen und sie dann als Eigenes zu reintegrieren und damit sich selbst weiter und bewusster zu machen.

Erkenntnis ist nur vor einem Hintergrund möglich, denn ohne Hintergrund gibt es kein erkennbares Bild. Doch das Bild ist Voraussetzung, den Hintergrund selbst, das eigentlich Unsichtbare, erahnbar, spürbar zu machen: Den inneren Zeugen, die Netzhaut des Bewusstseins, mit dem sich die Natur, wir selbst uns zu erkennen suchen.

Matthias Wenke (2000)

Was wir Wahrheit und Erkenntnis nennen,
ist notgedrungen Dichtung, und meistens schlechte.
Glücklich also die Philosophie, die solches weiß
und gleich auf die Kunst setzt.

K.P.Liessmann: "Philosophie der modernen Kunst"